Mittwoch, 28. Januar 2015

Brasilien 2005 - "wohnen"

Vor 10 Jahren war ich für 6 Monate in Brasilien und hab ich einer Kindertagesstätte für Strassenkinder aus den Favelas gearbeitet. Leider nur 6 Monate! Ein längeres Visum bekam ich nicht. Aber immerhin wurde das Visum von 3 auf 6 Monate verlängert! =)
Vor einigen Monaten hatte ich die Idee, in regelmäßigen Abständen aus meinem Tagebuch zu berichten. 
Da ich aber berechtigte Zweifel hatte, ob ich vor allem in den Frühlings- und Sommermonaten dazu kommen würde, beschloss ich, nun im Winter die Post's vorzubereiten. Damit hab ich mich selbst ziemlich unter Druck gesetzt und meine Motivation war so gut wie sofort weg! Also beschloss ich, es sein zu lassen.
Als ich diese Woche bei Maria "Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit" las, kamen mir einige Erinnerungen an Brasilien in den Sinn. Und so kam die Idee nicht einfach aus meinem Tagebuch zu berichten, sondern im Laufe der nächsten Monate einfach immer mal wieder von einem bestimmten "Thema" zu schreiben. Und heute soll es um das Wohnen gehen. Um mein "Wohnen", nicht das Wohnen der Menschen in den Favelas. Das sah nämlich noch mal anders aus.


Blicke in die Nachbarschaft, im Uhrzeigersinn: Diese zweirädrigen Wagen mit vorgespanntem Pferd sieht man sehr häufig statt Autos. Schräg gegenüber hatten wir eine kleine Schrauberwerkstatt für Autos. Ab und zu mal waren Kühe in der Strasse unterwegs. Wohin auch immer. Seht ihr den Streifen im letzten Bild? Das ist eine "Autobahn" der Blattschneideameisen. Sie ätzen mit der Säure das Gras weg um, mit den zu transportierenden Blattstücken, besser durch zu kommen.

Gewohnt hab ich in Dourados. Die Stadt liegt im Westen Brasiliens, nicht weit von der Grenze nach Paraguay entfernt und ist die zweitgrößte Stadt des Staates Mato grosso do sul.
Als Mitarbeiter der Kindertagesstätte konnte ich in einem Häuschen auf einem Grundstück neben der Kindertagesstätte wohnen. Direkt in den Favelas am Stadtrand. Unser Viertel war die "Vila São Braz" und damals eine 10-15 Jahre alte und sehr gut entwickelte Favela. Die Nachbarviertel waren alle jünger und dementsprechend die Verhältnisse schlimmer. Dazu komm ich aber später nochmal.

Mango und Maracuja von eigenen Bäumen auf dem Grundstück, zwei Mal das Häuschen und ein Blick auf die Veranda.

Ich wohnte in einem der wenigen Holzhäuser der Gegend. Holz ist ein seltener und teurer Baustoff. Früher war die komplette Gegend Urwald, daher auch der Name "Mato Grosso" des Staates, was soviel wie "Großer Wald" bedeutet. Von diesem Wald ist in und um Dourados schon lange nichts mehr übrig und jeder Baum wird geschützt. Daher muss das Häuschen vermutlich schon älter sein. Ein einfaches Holzgerüst und von aussen wurden Holzlatten drauf genagelt. An manchen Stellen mit breiten Ritzen zwischen den Brettern. Gerade in der kälteren Jahreszeit war es nicht so toll, wenn da der Wind durch pfiff.


Mein ständiger Mitbewohner, ein Gecko. Mein Zimmer und ein vergittertes Fenster.

Die Fenster waren alle vergittert, hatten zudem ein Mückennetz. Zum zuschieben gab es entweder milchige Fenster, die wir eigentlich nie nutzten oder Fensterläden aus Metall, die immer zu waren wenn wir nicht daheim waren oder sobald es dunkel wurde. Nichts davon hat eine Dichtung. Da kommt alles durch. Jeder Lichtstrahl, jede Luftbewegung, jeder Duft/Geruch. Sei es nur ein vorbeifahrendes und Staub aufwirbeldes Auto oder das zu riechende Schießpulver einer Schießerei direkt vor dem Häuschen. Ohne Scherz! Schießereien hörten wir häufig! Aber immerhin nur eine direkt vor dem Häuschen.


Ein Blick ins Bad. Oben links sieht man schön den Druchlauferhitzer und die isolierte Stromleitung auf der Wasserleitung.

Es gab kaltes fließendes Wasser, dank einer Grundwasserpumpe auf dem Gelände der Kindertagesstätte. Diese stieg allerdings hin und wieder aus oder wurde sie jeden Abend ausgeschaltet?!? Ich weiß es gar nicht mehr sicher. Unter der Woche bemerkte das die Köchin der Kindertagesstätte, am Wochenende schauten wir lieber immer erst nach der Pumpe bevor einer von uns eingeseift unter der Dusche stand und der Wasserdruck nachließ und dann ziemlich gleich ganz versiegte. Halbwegs warm duschen konnten wir dank eines elektrischen Durchlauferhitzers der ganz gefährlichen Variante! =D Ihn mit nassen Händen oder während das Wasser lief anzufassen, war lebensgefährlich. Hatte man aber mal raus, die Temperatur mit der Geschwindigkeit des Wasserdurchflusses zu steuern, kommt man damit wunderbar klar. Ausser vielleicht in den recht kalten Wochen des brasilianischen Winters. Das hatte sich aber gut aushalten lassen! Denn die kälteste Zeit (maximal 9°C, nachts gegen 1-2°C) dauert vielleicht ein bis zwei Wochen, dann hat es wieder 20°C. Die Innentemperatur in den Häusern entspricht dann natürlich der Außentemperatur. Egal ob aus Holz, Stein oder Blech.


Im Uhrzeigersinn: Das allgegenwärtige Omo-Waschpulver, mein Lieblingsort zum Wäsche waschen, das steinerne Waschbecken mit Waschbrett und die Waschmaschine aus Holz.

Eine andere ganz spannende Sache war das Wäsche waschen. Im Häuschen gab es eine museumsreife Waschmaschine! Sowas hatte ich zuvor noch nie gesehen! Im Prinzip einfach ein Holzfass auf Beinen. Innen sind Flügel aus Plastik die sich hin und her drehen und so die Wäsche waschen. Es gibt einen Schlauch um das Wasser abzulassen, den man gut hoch hängen muss, solange das Wasser drin bleiben soll. Will man das Wasser ablassen, lässt man es einfach durch das ganze Bad laufen, zum Abfluss der Dusche und hat damit auch grad den Boden noch geputzt. Dann gibt es noch einen zweiten Schlauch den man am Hahn des Waschbeckens festschrauben kann um Wasser in die Waschmaschine zu bekommen. Das Waschpulver wird einfach ins Fass gekippt und dann lässt man das halt mal so lange laufen wie man meint. Wasser raus lassen, frisches Wasser rein um zu spülen. Das wiederholt man am besten nochmal, denn irgendwie hatte ich immer das Gefühl, das Waschpulver gar nicht mehr raus zu bekommen. Diese Prozedur braucht gut Zeit.
Da mir das zu kompliziert war, ging ich sehr schnell dazu über meine Klamotten von Hand zu waschen. Vor der Arbeit morgens hab ich alle Klamotten in einem Eimer in kaltem Wasser mit Waschmittel eingeweicht. Draußen auf der Veranda gab es ein Waschbecken mit Waschbrett. Da hab ich in meiner Mittagspause dann die Klamotten geschrubbt. Ausspülen, von Hand auswringen und aufhängen. Bis abends nach der Arbeit waren die Klamotten dann schon trocken. Ausser in den 2 kalten Wochen. Da waren die Kleider selbst nach einer Woche noch nicht trocken und rochen entsprechend muffig.
Da die Erde in der Gegend knallrot und gut färbend ist, war es ganz praktisch, dass ich nur dunkle Kleider dabei hatte. Die waren recht einfach "sauber" zu bekommen.
Die Füße jeden Abend sauber zu bekommen, war mit der Zeit fast unmöglich. Ich hatte extra eine Bürste in der Dusche liegen und schrubbte jeden Abend, aber ein roter Schimmer blieb immer, der mit der Zeit auch das Leintuch im Bett färbte. Das bekam ich dann wirklich kaum noch sauber beim waschen.


Leider etwas unscharf: Mit dem Schieber wird das Wasser zur Tür raus geschoben. Hier hat es sich schon gut rot gefärbt.

Apropos rote Erde: Da es oft wochenlang nicht regnet, ist alles sehr trocken und staubig. Die Straßen ungeteert. Es reicht ein leichter Wind um die rote Erde ins Haus zu bringen. Schlimmer sind allerdings die vorbeifahrenden Auto's und der Linienbus. Es war eigentlich immer alles von einer roten Staubschicht überzogen. Da das Haus ein Holzgerüst ist mit von aussen aufgenagelten Latten, hat man im Haus viel Fläche auf der sich der Staub niederlassen kann. Das putzen dauert also eine ganze Weile. Viel Spaß hat eigentlich immer das Boden putzen gemacht. Es wird einfach eimerweiße Seifenwasser im ganzen Haus verteilt. Dann nimmt man einen Besen und schrubbt den Boden. Dann wird alles mit so Schiebern zur Haustür raus geschoben und anschließend mit klarem Wasser die Seife rausgespült und wieder mit den Schiebern alles zur Haustür raus. Der Rest trocknet schnell, allerdings hat man dann vorerst eine Sauna im Haus! =D Sehr umweltfreundlich ist diese Methode allerdings nicht.





Nur ein Bild der Küche selbst. Die anderen 3 Bilder sind von Geschäften in der Stadt, die auf Küchenzubehör spezialisiert sind.


Zur Küche gibt's eigentlich nicht viel zu sagen. Einrichtung war vorhanden. Vor uns hatte über Jahre eine Brasilianerin zusammen mit immer wieder wechselnden Praktikantinnen in dem Häuschen gelebt. Sie hatte ein paar Monate bevor wir kamen geheiratet und war ausgezogen. Daher war alles recht leer. Wir richteten uns mit dem Nötigsten ein, was tatsächlich nicht viel war. Spannend war der Herd, der an der Hauswand zur Veranda stand. Betrieben wurde er mit Gas, das aus einer angeketteten Flasche kam, die auf der Veranda stand. Angekettet damit sie keiner stehlen kann. Von draußen führte ein Schlauch durch die Wand zum Herd. Wenn die Gasflasche leer war, rief man einfach einen Lieferanten an. Der kam dann gleich mit dem Motorrad und tauschte die leere in eine volle Flasche um. An einem Samstag hatten wir erst einen Kuchen gebacken und dann die Wohnung geputzt. Irgendwann fiel mir der Gasgeruch auf. Auch die Mitbewohnerin konnte es riechen. Das Gas konnte ja nur irgendwie von der Flasche, dem Schlauch oder dem Herd kommen. Wir bemerkten dann ein Loch im Schlauch. Das hatte ich wahrscheinlich beim putzen verursacht. Der Herd war vom Backen noch heiß und ich hatte ihn leicht verschoben. Der Schlauch kam an die Rückseite und schmorte durch. Schnell die Flasche zugedreht, fragten wir eine deutsche Nachbarin nach dem portugiesischen Wort für "Gasschlauch" und fragten im nächsten Laden danach. Die hatten auch direkt einen und das Wechseln ging ganz leicht.
Wir gewöhnten uns auch recht schnell daran, vor dem Benutzen des Backofens nachzuschauen, ob nicht ein Gecko darin lebt. Ziemlich am Anfang hatten wir das Erlebnis auf einem Kuchen nach dem Backen einen toten und festklebende Gecko zu finden. 

Tiere als Mitbewohner hatten wir natürlich auch einige. Wie schon erwähnt Geckos! Sehr süß und sehr nützlich! In meinem Zimmer waren immer mehrere, aber nur einer davon die kompletten 6 Monate. Nützlich weil sie fleissig die Mücken und Spinnen fressen, die trotz den Fliegengitters vorm Fenster rein kommen. Naja, kein Wunder wenn Ritzen in der Wand sind. =D
Eine Zeit lang waren, auch durch eine Ritze in der Wand der Küche, Ameisen unterwegs. Eine richtige Straße. Wohin die unterwegs waren, weiß ich gar nicht mehr.
Da das Häuschen einige Monate bevor wir kamen unbewohnt war, hatten sich in der feuchten Waschmaschine Kakerlaken eingenistet. Die Größten die ich je gesehen hab und fliegen konnten sie auch noch. Es hat zwei bis drei Wochen gedauert bis wir sie los hatten. Eine hätte mich in stockdunkler Nacht mal fast umgeflogen. Uahhh....

Strom hatten wir eigentlich fast immer. Nur in der Anfangszeit fiel er ab und zu am frühen Abend mal aus. Man muss dazu sagen, dass es in der Gegend schon früh und vor allem sehr schnell dunkel wird. Man muss sich das so vorstellen: Jedes Haus hat einen oder mehrere Wachhunde. Irgendeinen davon hört man immer. Wenn dann aber der Strom ausfällt ist wirklich alles stockdunkel. So was von dunkel und alle Hunde fangen an zu bellen und heulen. Eine ganz komische Stimmung. Wir kauften uns vorsorglich Kerzen, was die Brasilianer komisch fanden, da Kerzen irgendwie in Verbindung mit Macumba gebracht werden. Eine afro-brasilianische Religion. Darüber werd ich wahrscheinlich auch mal noch schreiben, denn solch eine Gruppe hatten wir in der Nachbarschaft.

Ich könnt noch lange weiterschreiben. Über die wilden Tiere in der Umgebung und im Garten. Über die Obstbäume. Über die Nachbarschaft. Aber das würde jetzt zu lang werden. Dafür kommen in den nächsten Monaten immer wieder kürzere oder längere Berichte. =)

Ich frag mich ganz ehrlich eh, ob jemand bis hier hin durch gehalten hat?!? =D

Kommentare:

  1. Ich habe bis zum Ende durchgehalten :-)

    Wenn man im Ausland ist und in einer so ganz anderen Kultur lebt, lernt man schon sehr viel Neues kennen.

    Danke für den informativen und reich bebilderten Einblick!

    lg
    Maria

    PS: Finde super, dass Dich mein Beitrag inspiriert hat - freue mich schon auf weitere Einblicke!

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    1. Hallo Maria!
      Freut mich, dass Du komplett durchgehalten hast. =)
      Ja, man lernt viel neues kennen und man lernt, wie wenig es zum leben braucht. Dieses Fazit fehlt in meinem Text, aber ich dachte mir, als letzten Post ein Fazit zu schreiben und zusammenzufassen was es mir gebracht hat.

      Danke Dir noch mal für Deinen tollen Bericht! Der hat mir wirklich viele Erinnerungen hervorgerufen und die Motivation kam von ganz alleine. =)

      Liebe Grüße,
      Sarah =)

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  2. Hallo Sarah, mit Freude und auch etwas Heimweh habe ich Dein Brasilientagebuch gelesen. Du warst sicher im Casa Crianca Feliz in Dourados. Das kenne ich gut. Hast Du eine Mailadresse?

    Jesse

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    1. Ja, richtig. Casa Crianca Feliz! =)
      Selbst nach 10 Jahren lässt mich das Heimweh noch nicht los. Eine spannende, schöne und ereignisreiche Zeit! =D
      Ich hab Dir grad geschrieben, bin schon sehr gespannt! =)

      Viele Grüße,
      Sarah =)

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  3. Liebe Sarah, das war bestimmt total spannend!

    lg kathrin

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  4. ein Abenteuer!
    sehr interessanter Bericht, danke, lg

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